Wandern, Geschichte und Kuchenessen - alles aus einer Hand

Dotzlar. Muss die Geschichte von Dotzlar umgeschrieben werden? Hatten seit Menschengedenken Schüler der hiesigen Schule nicht von einer germanischen Fliehburg erzählt bekommen, die oben auf dem Dotzlarer Burgberg gestanden haben soll? Ja, Lehrergenerationen vor der heutigen hatten die Kinder entsprechend dem damaligen Wissensstand gelehrt.

Doch warum machen sich 70 Interessierte von 4 bis fast 80 Jahren „auf die Socken“ und kraxeln unter der Führung von Rüdiger Grebe (Dotzlarer und Lehrer der Bad Berleburg Hauptschule) den Burgberg hinauf? Weil man seit langer Zeit davon ausgeht, dass die Dotzlarer Burg eine „Keltenburg“ gewesen sein muss. Rüdiger Grebe, der der Einladung des Dotzlarer Heimatvereins als Referent gefolgt war: „Mögliche Aufgaben solcher Burgen könnten der Sitz eines keltischen Häuptlings, also Machtzentrum oder ein Prestigeprojekt gewesen sein.“ Ganz abwegig sei auch der Gedanke an eine Kultstätte nicht, es könnte ein Versammlungsort an religiösen Feiertagen oder ein Wohnplatz für beispielsweise besonders privilegierte Handwerker gewesen sein. „Oder aber alles“ so Grebe weiter.

Doch wer waren die Kelten? Sie zählten zu den größten Völkern der europäischen Geschichte und Vorgeschichte. Längst ehe Rom die damals bekannte Welt eroberte, bewohnten keltisch sprechende Völkerschaften mit vielen Gemeinsamkeiten - Sprache, Sitten und Gebräuche, Kunst und Kultur - ein riesiges Gebiet: Von Irland über Britannien, Spanien, Frankreich, Süddeutschland, Alpen und nach Böhmen hinein. Später drangen sie bis nach Italien, auf den Balkan und bis mitten in die Türkei vor. Sie besaßen keine Schrift und hinterließen somit keinerlei Texte. Die moderne Archäologie bringt jedoch die Spuren der Kelten zum Sprechen. Insbesondere die Metallarbeiten der Kelten zeugen von einem technischen und künstlerischen Können, das im vorgeschichtlichen Europa seinesgleichen sucht. Davon konnte sich der Dotzlarer Heimatverein bei einer Ausstellung in Bonn überzeugen. Noch heute fehlen der Vorsitzenden Erika Gernand die Worte ob der grandiosen Kunstausstellung. - Und das soll schon was heißen!

Die Dotzlarer, zu denen sich einige „Seegerlänner“ und Erndtebrücker gesellt hatten, stellten dem Referenten etliche Fragen. So erfuhren sie, dass es im hiesigen Bereich eine Auffälligkeit von  Wallburgen gibt: Hesselbach, Aue, Laasphe, Wemlighausen und eben Dotzlar. Dazu Rüdiger Grebe: „Sie sind Kulturdenkmäler ersten Ranges, deren Bedeutung ist aber leider im Bewusstsein der Bevölkerung wenig verankert“. Durch Ergebnisse aktueller Untersuchungen ähnlicher Anlagen im Umkreis läßt sich die Nutzung der Burg in die Zeit von cirka 300 bis 50 vor Christi datieren.  Es bestehen deutliche Anhaltspunkte für geometrische Zusammenhänge mit benachbarten Wallburgen mit riesigen Vermessungsdreiecken im Verhältnis 3 zu 4 zu 5. Die Mitglieder des Heimatvereines hatten bei einer der letzten Jahreshauptversammljungen Gelegengheit, die überraschenden Aussagen des Referenten nachzuvollziehen.

Ganz anschaulich: Das Begehen der beiden Ringwälle. Was wie ein „natürlicher Erdhüppel“ aussieht, hat als äußerer Ringwall  einen ganz regelmäßigen Grundriss von 220 mal 200 Metern, wobei der Innenwall rund 100 mal 75 Meter beträgt. Die Mauer sei wahrscheinlich eine Holz-Steine-Konstruktion gewesen, meinte Grebe. Der Holzrahmen sei mit Steinen aufgefüllt gewesen, während die Stirnseite als Trockenmauer sorgfältig aufgeschichtet war. Die Mauerhöhe könne rund drei Meter betragen haben. Bereits 1932 habe Professor von Stieren die Anlage vermessen und zahlreiche Schnitte in die Wälle gemacht mit dem Ziel, den Aufbau der Mauer zu erkennen. Zur damaligen Zeit wollte man jedoch weniger Keltenhistorie betreiben, sondern eher auf den Spuren der Germanen wandeln, was besser in die politische Landschaft gepasst hätte.

Manchmal kam dem Beobachter die  „Keltenwanderung“ vor wie eine Treibjagd auf dem Burgberg. Durch dunkles Fichtendickicht gebückt mussten sich die Teilnehmer durchkämpfen. Sie sahen auch die Zerstörung eines Wallabschnittes durch einen privaten Wegebau. Besonders tragisch, dass dies im Bereich des vermuteten Tores geschah. Denn die Eingangstore sind die wichtigsten Zeitzeugen.

Am „Zollbaum“ - jedem Dotzlarer seit Kinderzeiten bekannt -  zeigte Grebe noch interessante astronomische Verbindungen zu markanten Kegelbergen in der Nachbarschaft auf. Mit Fotos von Udo Wied kann nachgewiesen werden, dass von der Burg Dotzlar aus gesehen die Sonne am 21.3. (Tag und Nachtgleiche) direkt auf dem Homberg in Schwarzenau und am 21.12. (Wintersonnenwende) direkt auf dem Hohen Stift bei Richstein aufgeht. Beide Termine hatten früher eine zentrale Bedeutung.

Gelohnt hat sich jedenfalls der Einsatz des Refenten Rüdiger Grebe: Aufgrund seiner Initiative mit der Fürstlichen Rentkammer und zuständigen Archäologen werden bevorstehende Durchforstungen ohne Zerstörung der Wälle durchgeführt.

Gelohnt hat sich nach Angaben der Teilnehmer auch die rund zweistündige Wanderung: „Doss honn ech noch nett gewusst!“ war  nur einer der Sätze, die zu hören war. Interessant und gelungen  die Mischung in zweierlei Hinsicht: Wandern und Heimatgeschichte  für Jung und Alt zum Anfassen und zum Abschluß „Kaffie, Küche unn Dunge beim Backhaus“. Ob das nicht allein schon zum Umschreiben der Geschichtsbücher reicht?

Nachsatz:

Schade, dass die Kelten keine Schriftstücke auf der „Burg“ vergraben haben. Ich denke, dann brauchte man sich  in Dotzlar keine Gedanken um eine eventuelle 600-Jahr-Feier zu machen, sondern eher um eine 2300-Jahr-Feier. Aber so ist es nun mal im Leben: Manche tuen Gutes oder Großartiges und schreiben nix auf!! Andere wiederum …..als große Heimatfreunde bekannt, lassen durch privaten Wegebau das größte und älteste Kulturdenkmal in der hiesigen Region nicht vorsätzlich, aber immerhin jedoch recht fahrlässig, zerstören. Tragisch ist schon kein Ausdruck mehr!

Rolf Benfer

 

(im Jahre 2003 geschrieben)